KSK-Roman: Was ein Roman erzählen darf, was ein Sachbuch nicht kann

Ich habe zwei Bücher über dieselben 16 Jahre geschrieben. Das erste ist ein Sachbuch. Das zweite ist ein Roman. Manche fragen, warum man das Gleiche zweimal erzählt. Die Antwort: Es ist nicht das Gleiche. Es sind zwei Hälften einer Geschichte, die sich in einem Buch nicht erzählen lässt.

Was das Sachbuch kann

In Sicherheit leben und arbeiten habe ich 2024 geschrieben, kurz nach meinem letzten Diensttag. Es beschreibt, was ich aus den Spezialkräften für den zivilen Sicherheitssektor gelernt habe. Auswahl, Ausbildung, Einsätze, Führung, Personenschutz. Mit Lessons Learned am Ende jedes Abschnitts. Es ist ein nützliches Buch. Ich stehe zu jedem Satz.

Aber es ist ein Buch mit angezogener Handbremse. Nicht, weil ich etwas verstecken wollte. Sondern weil ein Sachbuch behauptet, dass alles darin so war. Und genau das darf ich bei vielen Dingen nicht sagen. Die Geheimhaltung endet nicht mit dem Dienst. Orte, Zeiten, Verfahren, Namen, Zahlen. Vieles davon gehört nicht in die Öffentlichkeit und wird dort nie hingehören. Also habe ich es weggelassen. Das Sachbuch ist wahr, aber es ist nicht vollständig.

Was der Roman kann

Ein Roman behauptet nichts. Er erzählt. Damit hat er eine Freiheit, die kein Sachbuch hat.

Ich kann eine Nacht in Kunduz beschreiben, ohne zu sagen, in welcher Nacht. Ich kann ein Gefecht erzählen, ohne dass jemand daraus einen Einsatzbericht rekonstruieren kann. Ich kann Menschen zeigen, die es so nie gab, die aber genau so gefühlt haben wie die, die es gab. Der Roman verdichtet. Aus drei Kameraden wird einer. Aus fünf Einsätzen wird ein Kapitel. Aus zehn Jahren werden zwölf Nächte.

Das Ergebnis ist paradox: Der Roman ist an vielen Stellen wahrer als das Sachbuch. Weil er das erzählen kann, was zwischen den Fakten liegt. Die Hitze, wenn die Rampe der Transall aufgeht. Der Moment, in dem man den Granatwerfer entsichert und später merkt, dass man die Entfernung um 20 Meter falsch geschätzt hat. Das Gefühl, wenn man einem Mann das Leben rettet, der einen gerade erschießen wollte, und dazu nichts empfindet. Man nimmt es zur Kenntnis. Mehr nicht.

Solche Sätze stehen in keinem Sachbuch. Im Roman stehen sie auf Seite 15.

Die Regeln, nach denen wir geschrieben haben

Philipp Czaya und ich haben uns vor dem ersten Kapitel auf ein paar Regeln geeinigt. Sie haben bis zum letzten Satz gehalten.

Was gefühlt wurde, ist echt. Alex ist nicht ich. Aber es gibt nichts, was Alex fühlt, was ich nicht gefühlt habe. Angst, Langeweile, Stolz, Wut, die Leere nach dem Einsatz. Das ist die Substanz. Daran haben wir nicht gedreht.

Was passiert, ist verändert. Orte, Reihenfolgen, Namen, Details. Wer versucht, aus dem Buch echte Operationen abzuleiten, wird scheitern. Das ist Absicht. Der Roman schützt, was geschützt bleiben muss, und erzählt trotzdem alles, was erzählt werden kann.

Das Handwerk stimmt. Jede Waffe, jedes Gerät, jeder Ablauf, den ein Soldat liest, muss richtig sein. Ein Kamerad, der das Buch liest, darf an keiner Stelle den Kopf schütteln. Das war die härteste Regel, denn sie steht in ständigem Konflikt mit der zweiten. Wir haben sie gelöst, indem wir Handwerk zeigen, aber keine Verfahren.

Keine Helden. Alex macht Fehler. Er schätzt falsch, er zweifelt, er verdrängt. Er hat Kameraden, die ihm überlegen sind, und einen, dem er etwas schuldig bleibt. Das ist nicht dramaturgische Kosmetik. So ist es.

Warum zu zweit

Ich kann Geschichten erzählen. Am Lagerfeuer, im Briefing, im Auto. Ich habe sie hundertmal erzählt. Aber Erzählen und Schreiben sind zwei verschiedene Handwerke. Philipp hat das zweite. Er hat aus dem, was ich ihm gegeben habe, eine Sprache gemacht, die trägt. Kurz, direkt, ohne Dekoration. So, wie wir im Trupp geredet haben.

Das war die Bedingung. Kein Behördendeutsch, keine Pathosformeln, keine Erklärungen für Leute, die es sowieso nicht verstehen wollen. Wer den Roman liest, soll das Gefühl haben, er sitzt mit im Zelt.

Warum jedes Kapitel ein Ort ist

Jedes Kapitel trägt einen Ort und eine Jahreszeit im Untertitel. Kunduz, Kabul, Calw, der Schwarzwald, eine Botschaft, ein Flughafen. Das ist keine Spielerei. Wer 16 Jahre in Einsätzen war, erinnert sich nicht in Jahren. Er erinnert sich in Orten. Man sagt nicht “2011”. Man sagt “Kunduz”. Und jeder, der dabei war, weiß, was gemeint ist.

Der Roman folgt dieser Logik. Er springt nicht chronologisch von Tag zu Tag, sondern von Ort zu Ort. Dazwischen liegen manchmal Monate, manchmal Jahre. Was dazwischen war, erzählt Alex, wenn er es braucht. Nicht vorher.

Das hat einen zweiten Grund. Es schützt. Wer nur den Ort kennt, aber weder das Datum noch den Anlass, kann nichts rekonstruieren. So bleibt der Roman ehrlich, ohne etwas preiszugeben.

Was Leser erwarten dürfen

Zwölf Kapitel. Jedes trägt einen Buchstaben aus dem NATO-Alphabet als Titel. Tango, Hotel, Echo, Alpha. Jedes Kapitel ist ein Ort und eine Zeit, von Kunduz 2011 bis zu dem Tag, an dem Alex sein zweites Leben beginnt.

Sie dürfen Gefechte erwarten, aber nicht auf jeder Seite. Der Alltag der Spezialkräfte besteht zu einem großen Teil aus Warten, Planen, Trainieren und Scherzen. Das steht auch drin, weil es sonst nicht stimmt.

Sie dürfen Menschen erwarten. Einen Mentor, der geht. Einen Breacher, der nie ernst bleiben kann. Einen Scharfschützen, dem etwas passiert. Einen Medic, der immer ruhig bleibt. Und einen Erzähler, der lernt, dass Angreifen nicht das Schwerste ist. Das Schwerste ist, danach weiterzuleben.

Was Leser nicht erwarten sollten

Enthüllungen. Wer das Buch kauft, um Geheimnisse über das KSK zu erfahren, wird enttäuscht. Es gibt keine. Was es gibt, ist ein ehrlicher Blick darauf, wie sich dieses Leben von innen anfühlt. Das ist mehr wert als jedes Geheimnis. Und es ist das, was bisher gefehlt hat.

Christopher Wagner
Christopher Wagner

Über 16 Jahre Kommando Spezialkräfte, jüngster Truppführer der KSK-Geschichte, heute Sicherheitsexperte und Co-Autor von The Assaulter. Mehr erfahren.

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