Deutsche Militärthriller: Warum es so wenige gibt

Geh in eine Buchhandlung und such das Regal mit Militärthrillern. Du findest Tom Clancy, Jack Carr, Brad Thor, Chris Ryan, Andy McNab. Amerikaner und Briten, oft selbst ehemalige Soldaten. Dann such einen deutschen Autor mit deutschem Helden in einer deutschen Einheit. Du wirst lange suchen.

Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Hier sind meine Antworten.

Grund eins: Die Bundeswehr ist nicht Teil der Kultur

In den USA ist das Militär überall. In Filmen, in Serien, in der Werbung, auf dem Football-Feld. Veteranen sind eine sichtbare Gruppe. Wer nach 20 Jahren aus der Armee geht, bekommt eine Pension und fängt ein zweites Leben an. Viele davon schreiben Bücher. Der Markt ist da, weil die Geschichten da sind und weil die Leser sie kennen.

In Deutschland ist die Bundeswehr für die meisten eine Behörde. Man sieht sie beim Hochwasser und in der Tagesschau. Die Wehrpflicht ist seit 2011 ausgesetzt. Eine ganze Generation kennt niemanden persönlich, der gedient hat. Ohne diese Nähe gibt es keine Neugier. Ohne Neugier keine Leser. Ohne Leser keine Verlage, die das Risiko eingehen.

Grund zwei: Die, die es wissen, schreiben nicht

Die besten amerikanischen Militärthriller kommen von Männern, die es erlebt haben. Jack Carr war Navy SEAL. Chris Ryan und Andy McNab waren beim SAS. Sie schreiben mit einer Authentizität, die man nicht recherchieren kann.

Deutsche Soldaten aus den Spezialkräften schreiben selten. Aus mehreren Gründen. Die Geheimhaltungspflicht ist real und sie endet nicht mit dem Dienst. Viele wissen nicht, wo die Grenze verläuft, und schweigen lieber ganz. Andere haben nie gelernt, über sich zu reden. Beim KSK gehört es zum Selbstverständnis, nicht aufzufallen. Wer 16 Jahre lang trainiert hat, unsichtbar zu sein, setzt sich nicht einfach hin und schreibt ein Buch.

Dazu kommt der Mythos. Über das KSK gibt es viele Geschichten und wenig Fakten. Das war lange gewollt. Ich halte es nicht mehr für zeitgemäß. Hinter dem Kommando stehen Menschen. Wer die nicht zeigt, überlässt das Bild den anderen.

Grund drei: Der deutsche Blick auf Soldaten

Ein amerikanischer Held darf schießen. Ein deutscher Held muss sich rechtfertigen. Das prägt, was Verlage annehmen und was Autoren sich trauen. Viele deutsche Romane mit militärischem Hintergrund sind Anti-Kriegs-Romane. Das ist eine ehrenwerte Tradition. Aber es ist ein anderes Genre.

Ein Militärthriller braucht einen Protagonisten, der seinen Job kann und ihn macht. Ohne Entschuldigung. Mit allem, was das kostet. Das ist in Deutschland ungewohnt. Dabei ist genau das die ehrlichere Erzählung. Wer im Einsatz war, weiß, dass es keine sauberen Helden gibt. Aber es gibt Männer, die ihren Auftrag erfüllen und danach mit den Fragen leben.

Grund vier: Die Verlage kaufen ein, was sich schon verkauft

Übersetzungen sind kalkulierbar. Ein Clancy hat sich in den USA millionenfach verkauft, bevor er auf Deutsch erscheint. Ein deutscher Debütant mit einem KSK-Roman ist ein Risiko. Also übersetzt man lieber. Das Regal füllt sich mit amerikanischen Helden, und der deutsche Leser lernt, dass Militärthriller aus Amerika kommen.

So wird die Lücke zur Gewohnheit.

Was es trotzdem gibt

Sachbücher gibt es inzwischen einige. Mein Kamerad Christian Gerstner hat mit Unter dem Schwert als Erster authentisch und professionell aus dem KSK berichtet. Es gibt Berichte von Veteranen aus Afghanistan, es gibt Analysen von Journalisten. Eine Liste steht in meinem Beitrag zu den besten Büchern über das KSK.

Romane sind seltener. Es gibt Thriller mit deutschen Ermittlern, mit BND-Agenten, mit GSG-9-Beamten. Was fehlt, ist der Blick von innen. Ein Roman, der erzählt, wie es sich anfühlt, in Kunduz aus dem Hubschrauber zu steigen. Wie ein Kommandotrupp redet, wenn niemand zuhört. Was ein Mann denkt, dessen Granatwerfer entsichert ist und der die Entfernung zum Ziel um 20 Meter falsch geschätzt hat.

Warum ich es trotzdem gemacht habe

Ich war 16 Jahre beim KSK. Ich habe über 1.000 Tage in Einsätzen verbracht. Nach meinem Ausscheiden habe ich ein Sachbuch geschrieben, über das, was ich aus dieser Zeit für die zivile Sicherheit gelernt habe. Das war die Vernunft.

The Assaulter ist der andere Teil. Ein Roman, weil ein Roman Dinge erzählen kann, die ein Sachbuch nicht darf. Verdichtet, verändert, mit erfundenen Namen und echten Gefühlen. Alex ist nicht ich. Aber alles, was Alex fühlt, habe ich gefühlt. Die Hitze in Kunduz. Die Frage nach dem Schuss. Der Moment, in dem man versteht, dass der Auftrag erfüllt ist und trotzdem etwas fehlt.

Ich habe das Buch mit Philipp Czaya geschrieben, weil ich wusste, dass ich die Handwerkskunst eines Autors brauche. Ich kann Geschichten erzählen. Er kann sie schreiben. Zusammen wurde daraus ein Thriller, der beides kann: spannend sein und wahr.

Was ein deutscher Militärthriller leisten muss

Er muss stimmen. Jedes Detail, das ein Soldat liest, muss richtig sein. Sonst legt er das Buch weg.

Er muss ehrlich sein. Keine Helden ohne Zweifel. Keine Gegner ohne Gesicht.

Er muss deutsch sein. Nicht als Fahne, sondern als Perspektive. Deutsche Soldaten kämpfen mit anderen Regeln, anderen Genehmigungen, anderen Erwartungen von zu Hause. Das ist kein Nachteil. Das ist der Stoff.

Und er darf unterhalten. Ein Thriller, der nicht fesselt, ist ein Sachbuch mit erfundenen Namen.

Ob The Assaulter das leistet, entscheiden die Leser. Ab dem 1. Oktober.

Christopher Wagner
Christopher Wagner

Über 16 Jahre Kommando Spezialkräfte, jüngster Truppführer der KSK-Geschichte, heute Sicherheitsexperte und Co-Autor von The Assaulter. Mehr erfahren.

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