Warum Fitness beim KSK das kleinste Problem ist

Wer sich auf die Auswahl beim KSK vorbereitet, trainiert. Läuft, schleppt, schwimmt, macht Klimmzüge bis die Hände bluten. Das ist richtig. Es ist nur nicht das, was am Ende entscheidet. Ich habe genug Männer gesehen, die körperlich alles mitbrachten und trotzdem nach Hause fuhren.

Der Körper ist Voraussetzung, nicht Auswahlkriterium

Vor dem KSK war ich in der Infanterie. Dort fiel mir früh etwas auf. Kameraden mit mehr Dienstzeit und mehr Erfahrung als ich taten sich bei manchen Ausbildungsabschnitten deutlich schwerer. Nicht, weil sie dümmer waren. Sie hatten an ihrem Körper zu knabbern und konnten sich nicht auf die Inhalte konzentrieren.

Da habe ich für mich beschlossen: Mein Fitnesszustand soll niemals ein Nachteil sein. Er soll mein Vorteil sein. Ich habe Ausdauer und Kraft in meinen Alltag eingebaut und das über 16 Jahre nicht mehr aufgegeben.

Der Grund ist einfach. Wer körperlich Reserve hat, hat den Kopf frei. Wer keine Reserve hat, denkt nur noch an seine Beine. Und die Auswahl prüft nicht deine Beine. Sie prüft deinen Kopf, während deine Beine schmerzen.

Was wirklich geprüft wird

Die Auswahl in Calw ist so gebaut, dass der Körper irgendwann nicht mehr die Frage ist. Nach ein paar Tagen ohne Schlaf, mit zu wenig Essen und ständigen Aufgaben ist jeder müde. Jeder. Der Marathonläufer und der Kraftsportler. An diesem Punkt beginnt die eigentliche Auswahl.

Geprüft wird, ob du noch denkst. Ob du noch Entscheidungen triffst, wenn alles in dir sagt: hinlegen. Ob du den Kameraden neben dir noch siehst oder nur noch dich. Ob du eine Aufgabe zu Ende bringst, deren Sinn du nicht verstehst. Und ob du morgen wieder antrittst, obwohl du heute versagt hast.

Das kann man nicht auf der Laufbahn trainieren. Man kann es nur mitbringen oder nicht.

Die drei Momente, in denen die meisten aufgeben

Ich habe drei Muster gesehen. Immer wieder.

Der erste Moment ist die erste Niederlage. Die Auswahl ist darauf angelegt, dass du scheiterst. Eine Aufgabe ist nicht zu schaffen, egal wie gut du bist. Wer das als persönliche Beleidigung nimmt, ist innerlich schon raus. Wer es als Information nimmt, macht weiter. Der Unterschied ist nicht Härte. Es ist die Fähigkeit, mit einem Ergebnis umzugehen, das einem nicht gefällt.

Der zweite Moment ist die Nacht, in der der Sinn fehlt. Irgendwann fragst du dich, wofür. Du sitzt im Dreck, es ist kalt, du hast seit Tagen nicht geschlafen, und niemand erklärt dir, warum. Wer in diesem Moment eine Antwort hat, bleibt. Die Antwort muss nicht klug sein. Meine war damals: Ich will nichts anderes. Entweder das hier oder ich gehe. Das hat gereicht.

Der dritte Moment ist der Blick auf die anderen. Es gibt einen Punkt, an dem du merkst, dass die Männer neben dir genauso fertig sind wie du. Manche werden dann klein. Sie ziehen sich in sich zurück und funktionieren nur noch für sich selbst. Andere werden größer. Sie helfen, obwohl sie selbst nichts mehr haben. Die zweite Gruppe besteht. Das KSK sucht keinen Einzelkämpfer. Es sucht den Mann, der im Trupp funktioniert, wenn der Trupp am Boden ist.

Der Wille entscheidet nicht immer

In Calw gibt es den Satz: Der Wille entscheidet. Er stimmt, wenn die Mindestvoraussetzungen erfüllt sind. Er stimmt nicht als Versprechen, dass jeder alles schaffen kann.

Ich habe einen Kameraden erlebt, der genau daran geglaubt hat. Der Personalwerbetrupp hatte ihm gesagt, er könne alles schaffen. Er hat das ernst genommen. Er hat die Auswahl körperlich bestanden. Trotzdem kam er nicht in die Ausbildung, weil die Lücke zwischen seiner Selbstwahrnehmung und der Realität zu groß war. Man hat ihm gesagt, er sei zurzeit charakterlich nicht geeignet und könne es später noch einmal versuchen.

Das war ein Fehler. Nicht die Entscheidung, sondern die Formulierung. Der Mann war nicht geeignet und würde es nie sein. Das hätte man ihm sagen müssen. Stattdessen hat er jahrelang Umwege gesucht, um irgendwie in die Nähe des KSK zu kommen. Am Ende hat er es sogar auf eine Einsatzliste geschafft, als Unterstützer. Es hat nicht funktioniert. Er wurde abgelöst.

Was sagt uns das? Es ist in Ordnung, nicht auf allen Hochzeiten tanzen zu können. Eine gute Auswahl ist keine Benachteiligung. Sie ist Fürsorge für die, die später zusammenarbeiten müssen. Wer jedem alles ermöglichen will, schadet allen.

Was man vorher trainieren kann

Den Körper. Das ist die Pflicht. Ausdauer, Kraft, Marschfestigkeit, Schwimmen. Mit Reserve, nicht auf Kante.

Den Umgang mit Niederlagen. Das geht. Wer sich im Training regelmäßig an Grenzen bringt, lernt, wer er ist, wenn das Herz rast und die Beine nicht mehr wollen. Ein ehemaliger Kamerad, der heute Soldaten auf die Auswahl vorbereitet, hat es in meinem ersten Buch so beschrieben: Körperliches Training ist der einfachste Weg, sich selbst an seine Grenzen zu bringen und zu sehen, wer man wirklich ist. Bin ich dann noch in der Lage, klar zu denken? Habe ich meine Emotionen im Griff oder ergebe ich mich meinem Körper?

Den Kopf. Nur bedingt. Man kann sich fragen, warum man das will. Ehrlich. Wenn die Antwort mit dem Abzeichen zu tun hat oder mit dem, was andere denken, wird es nicht reichen.

Was man nicht trainieren kann

Charakter. Die Fähigkeit, sich selbst realistisch zu sehen. Die Bereitschaft, den Trupp über sich zu stellen, ohne dass es jemand verlangt. Das bringt man mit oder nicht. Die Auswahl findet es heraus. Dafür ist sie da.

Übertragbar auf alles andere

Ich habe das Prinzip nach meiner Dienstzeit überall wiedergefunden. In der Wirtschaft, im Personenschutz, in der Beratung. Die fachlich Besten sind selten die, die am Ende bestehen. Es sind die, die unter Druck noch denken, mit Niederlagen umgehen und den Nebenmann sehen.

Fitness ist die Eintrittskarte. Das Spiel beginnt danach.

Christopher Wagner
Christopher Wagner

Über 16 Jahre Kommando Spezialkräfte, jüngster Truppführer der KSK-Geschichte, heute Sicherheitsexperte und Co-Autor von The Assaulter. Mehr erfahren.

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