1.000 Einsatztage: Was davon bleibt und was zum Glück nicht

Über 1.000 Tage. So viele habe ich in Einsätzen und einsatzgleichen Verpflichtungen verbracht. Fast drei Jahre, wenn man sie aneinanderlegt. Verteilt über 16 Jahre, auf drei Kontinenten, in allen Klimazonen. Ich habe nie gezählt, während es lief. Erst danach.

Was zuerst da war

Für mich waren die Einsätze der Grund, warum man als junger Mann zu den Spezialkräften geht. Ich interessierte mich für nichts anderes. Nach dem Einsatz war vor dem Einsatz. Wenn wir nicht im Kontingent unterwegs waren, hoffte ich, dass wir aus der Bereitschaft irgendwohin abgerufen würden. Es war wie eine Sucht. Ein Verlangen nach Erlebnissen.

Ich habe fast alles im privaten Umfeld untergeordnet. Mir war von Anfang an klar: Solange ich aktiver Kommandosoldat bin, gibt es nichts Gleichwertiges nebenher. Das hatte einen Preis. Ich habe ihn bezahlt und ich würde ihn wieder bezahlen. Aber ich würde heute vorher wissen wollen, wie hoch er ist.

Wenn wir auf einer Operation waren und es kam nicht zum Gefecht, war es für mich nicht zufriedenstellend. Selbst wenn wir den Auftrag erfüllt hatten. Ich wollte das machen, wofür ich selektiert und ausgebildet worden war. Unser Kompaniemotto war treffend: Freude am Kampf. Mit allen Konsequenzen, die das Wort Krieg mit sich bringt.

Was bleibt

Die Orte. Afghanistan vor allem. Kein anderes Land hat mich so geprägt. Ich bin dort vom wilden Jungen zum starken Mann und irgendwann zum besonnenen Strategen geworden. Die Hitze, der Staub, die Nächte im Gebirge. Das Lager in Kunduz mit seinem Funk und seinen Zelten. Ich könnte heute noch mit geschlossenen Augen vom Zelt zum Sanitätsbereich laufen.

Die Männer. Wenn ich die zehn beeindruckendsten Menschen nennen sollte, die mir je begegnet sind, und meine Familie nicht zählen dürfte, wären mehr als die Hälfte aktive oder ehemalige Kommandosoldaten. Kluge Strategen, kompromisslose Krieger, weltoffene Persönlichkeiten. Diese Mischung gibt es sonst nirgends.

Die Wucht. Zwei Tonnen selbstgebauter Sprengstoff, gepresst in einen Abwassertanklaster, der am Flughafen von Kabul explodiert und mich zu Boden reißt. Diese Kraft kann man nicht beschreiben. Man kann sie nur gefühlt haben. Sie bleibt im Körper, nicht im Kopf.

Die Fragen. Ein Gefecht ist schnell vorbei. Die Fragen danach nicht. Warum hat er überlebt? Warum die Schulter und nicht der Kopf? Was wäre passiert, wenn die Granate 20 Meter weiter gelandet wäre? Fragen zu Missionen haften länger als der Drill, den man abgerufen hat. Manche stelle ich mir heute noch.

Die Nacht im Stab. Eine Geiselbefreiung, die nicht genehmigt wurde und trotzdem stattfand, weil vier Männer aus vier Nationen nicht aufgeben wollten. Ich hatte an diesem Tag keine Waffe in der Hand und mehr Adrenalin als in manchem Gefecht.

Was zum Glück nicht bleibt

Die Angst vor dem Beschuss. Monatelang im Zelt mit nächtlichem Raketenbeschuss. Irgendwann wird es Routine. Man schläft weiter. Der Körper lernt, was gefährlich ist und was nur laut. Diese Gleichgültigkeit war damals notwendig. Heute ist sie weg. Ich zucke wieder zusammen, wenn hinter mir etwas knallt. Das ist ein gutes Zeichen.

Die Gleichgültigkeit gegenüber Menschen. Im Einsatz habe ich keine Verbindung zu den Zielpersonen aufgebaut. Das war Schutz. Wer im Gefecht Emotionen hat, trifft schlechte Entscheidungen. Diese Distanz war im Einsatz richtig. Nach dem Einsatz muss sie weg, sonst nimmt man sie mit nach Hause. Das hat gedauert.

Das Warten. Die 24 Stunden am Flughafen in Termez, in denen nichts passierte und ich innerlich schon längst in Afghanistan war. Die Tage im Lager zwischen zwei Operationen. Das Warten auf Genehmigungen, Wetter, Hubschrauber. Es war der größte Teil der 1.000 Tage und der Teil, den ich am wenigsten vermisse.

Die Sucht. Das Verlangen nach dem nächsten Einsatz ist verschwunden. Nicht über Nacht. Aber es ist weg. Ich habe heute Aufgaben, die mich fordern, ohne dass jemand auf mich schießt. Das reicht mir. Das hätte ich mit 25 nicht geglaubt.

Was ich daraus gelernt habe

Man verarbeitet nicht, indem man verdrängt. Man verarbeitet, indem man dem Erlebten eine Wertigkeit gibt. Erst wenn ich mit dieser Wertigkeit im Einklang bin, kann ich weitermachen. Das ist mein Weg. Ich habe ihn mit professioneller Unterstützung, viel Transparenz und Ehrgeiz gefunden. Er ist kein Selbstläufer und er ersetzt keine Therapie. Aber er funktioniert für mich.

Und ich habe gelernt, dass man sich diese Fragen stellen muss. Wer sie sich nicht stellt, lernt nichts. Wer sie sich zu lange stellt, schläft nicht mehr. Die Kunst liegt, wie bei so vielem, irgendwo dazwischen.

Warum ich es aufgeschrieben habe

1.000 Tage lassen sich nicht in einem Gespräch erzählen. Nicht einmal in einem Sachbuch. Deshalb der Roman. Alex erlebt in zwölf Kapiteln, was ich in 1.000 Tagen erlebt habe. Verdichtet, verändert, aber wahr in dem, was er fühlt.

Wer wissen will, was von 1.000 Tagen bleibt, liest am besten, wie einer davon aussieht.

Christopher Wagner
Christopher Wagner

Über 16 Jahre Kommando Spezialkräfte, jüngster Truppführer der KSK-Geschichte, heute Sicherheitsexperte und Co-Autor von The Assaulter. Mehr erfahren.

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